Eine ganz persönliche Geschichtsstunde / A very personal history lesson

Eine ganz persönliche Geschichtsstunde:

Die Ingolstädter Familie Rosenbaum und der Holocaust

Am 15.04.2026 hatte der Wahlkurs Erinnerungskultur zwei besondere Gäste, die uns eine neue Perspektive auf Ingolstadts Vergangenheit ermöglichten.

Mike konnte seine Großeltern nie kennenlernen, weil sie 1941 auf Befehl der Nationalsozialisten in Litauen umgebracht wurden. Jetzt ist Mike zusammen mit seiner Frau Elizabeth nach Ingolstadt zurückgekehrt, um vor Schülerinnen und Schülern zu sprechen und bei der Übergabe eines Gedenkschilds vor der ehemaligen Wohnadresse seiner Vorfahren anwesend zu sein.

Matheo und Jonathan aus dem Wahlkurs Erinnerungskultur hörten den Besuchern aus den USA gebannt zu, als sie von ihrer Geschichte mit Ingolstadt-Bezug erzählten. Mikes Großvater Max war hier für fünf Jahre Kantor und hatte somit eine wichtige Aufgabe in der kleinen jüdischen Gemeinde. Die Familie fühlte sich in Ingolstadt wohl. Doch Vorbehalte gegenüber den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde wurden auch durch grundsätzlich wohlgemeinte Bemerkungen deutlich. So wurde über Mikes Vater, Martin, vom Klassenleiter am heutigen Christoph-Scheiner-Gymnasium notiert: ,,Israelit, aber doch in seiner Klasse angesehen und beliebt". 1931 machte er dort sein Abitur, bevor er in Würzburg Medizin studierte. Die jüdischen Burschenschaften wären dort deutscher als alle anderen gewesen, so berichtete Mike von den Erzählungen seines Vaters. Von Auswanderung wollten Martin und seine Eltern lange nichts wissen. Schließlich im April 1938 floh Martin in die USA.

Der Besuch von Mike Ross und seiner Frau ging auf einen Kontakt mit Lutz Tietmann vom Projekt „Opfer des Nationalsozialismus in Ingolstadt“ des Stadtarchivs zurück. Die Aussicht, junge Menschen zu treffen und einen Beitrag zur Bildungsarbeit zu leisten, reizte besonders Dr. Elizabeth Ross, die in den USA Ärzte und medizinisches Personal ausbildet. Dr. Mike Ross, ein Radiologe im Ruhestand, spricht ganz offen darüber, wie unterschiedlich sein Freundes- und Bekanntenkreis auf diese emotional schwierige Reise in die Vergangenheit reagiert hat. Auch er fühlte sich hin-und-hergerissen zwischen einerseits seiner engen Verbindung zu Deutschland über seinen Vater, dessen Verbundenheit mit der deutschen Kultur zusammen mit seinem starken deutschen Akzent stets unverkennbar blieben und andererseits mit dem sehr schmerzvollen Verlust seiner Großeltern im Holocaust. Abschließend teilte er mit seinem kleinen Publikum des Wahlkurses einen Gedanken, der etwas sehr Versöhnliches für ihn und für uns alle Anwesenden hatte: Wie glücklich wären seine Großeltern wohl gewesen, wenn sie gewusst hätten, was für ein gutes und erfülltes Leben ihr Sohn, Enkel und Urenkel in den USA später hatten und haben? Wir sind sehr dankbar für diesen Besuch.

Markus Schirmer

A very personal history lesson:

The Rosenbaums from Ingolstadt and the Holocaust

On April 15th, 2026 we had two special guests in our extracurricular course on remembrance who provided a new perspective on Ingolstadt’s past.

Mike was never able to meet his grandparents because they were killed in Lithuania in 1941 on the orders of the Nazis. Now Mike has returned to Ingolstadt with his wife Elizabeth to speak to students and to attend the unveiling of a commemorative plaque in front of his ancestors’ former home.

Matheo and Jonathan from the elective course on remembrance culture listened intently to the visitors from the U.S. as they recounted their history connected to Ingolstadt. Mike’s grandfather Max served as a cantor here for five years and thus played an important role in the small Jewish community. The family felt at home in Ingolstadt. Yet reservations toward members of the Jewish community were also evident in remarks that were fundamentally well-intentioned. For instance, Mike’s father, Martin, was described by his homeroom teacher at what is now the Christoph-Scheiner-Gymnasium as: “An Israelite, yet respected and popular in his class.” In 1931, he graduated from high school there before studying medicine in Würzburg. The Jewish fraternities there were more German than all the others, Mike recounted from his father’s stories. For a long time, Martin and his parents wanted nothing to do with emigration. Finally, in April 1938, Martin fled to the U.S.

The recent visit by Mike Ross and his wife was initiated by a contact with Lutz Tietmann from the City Archives’ project “Victims of National Socialism in Ingolstadt”. The prospect of meeting young people and contributing to education particularly appealed to Dr. Elizabeth Ross, who trains doctors and medical staff in the U.S. Dr. Mike Ross, a retired radiologist, speaks quite openly about how differently his circle of friends and acquaintances reacted to this emotionally difficult journey into the past. He, too, felt torn between, on the one hand, his close connection to Germany through his father, whose attachment to German culture, along with his strong German accent, always remained unmistakable, and, on the other hand, the deeply painful loss of his grandparents in the Holocaust. In closing, he shared with his small audience in the elective course a thought that held something very healing for him and for all of us present: How happy would his grandparents have been if they had known what a good and fulfilling life their son, grandchildren and great-grandchildren later had and continue to have in the U.S.? We are very grateful for this visit.

Markus Schirmer

 

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